#1-2/ 2022
12/16

Metaverse

Was bedeutet die digitale Realität für den Journalismus?

Die Vorstellung einer Parallelwelt, einer zweiten, digitalen Realität, klingt für viele wohl eher immer noch utopisch und doch zeichnen sich die ersten Auswirkungen bereits in unserer aller Leben ab. Kryptowährungen, digitale Kunst als NFTs und Virtual Reality Games sind mittlerweile weitverbreitet und bieten die Brücke ins Metaverse. Doch was bedeutet eine vollkommen digitale Parallelwelt für den Journalismus? Können wir zukünftig Konzerte, Talks und Reportagen nicht mehr nur hören oder lesen, sondern in der 3D-Welt „hautnah“ miterleben? Und vor allem – Wie geht der Journalismus mit Ereignissen in der Parallelwelt um? Welche Nachrichtenwerte und Relevanz begründen die Berichterstattung über Ereignisse im Metaverse? 

Die Chance für Medien im Metaverse

So komplex das Metaverse auch erscheinen mag, bietet es doch bereits durchaus realistische Anwendungsbereiche insbesondere in der Entertainmentbranche. Games fungieren bereits jetzt als eine kleine Parallelwelt, in welcher sich Spieler zum gemeinsamen Verweilen oder auch zu einem virtuellen Konzert versammeln können. Doch auch Medien könnten vom Metaverse deutlich profitieren, zeichnete sich bereits in den letzten Jahren der Trend zur crossmedialen und multimedialen Berichterstattung ab. Visuelle Elemente als Unterstützung können hier im Metaverse vertieft werden, denkbar sind Videoreportagen, in welchen Betrachter in der virtuellen Realität die Geschehnisse vor Ort miterleben können. Wenn sich das Metaverse in seiner Gänze in der breiten Gesellschaft durchsetzen kann, dann sind die Möglichkeiten der Formatideen auch für Medien nahezu unendlich. Die vor allem im Journalismus immer wichtiger werdende Rolle der persönlichen Kommunikation und Journalisten als Sprachrohr eines Mediums kann im Metaverse fortgeführt werden. Konnten Radiohörer bislang die Morningshow lediglich hören, wäre im Metaverse eine virtuelle Anwesenheit im Studio vorstellbar. Weitergedacht, und das wirkt derzeit zwar noch sehr utopisch, dürfte aber bald technisch umsetzbar sein, sind Hologramme. Demnach könnten die Hörer eines Radiosenders gemeinsam mit dem virtuell projizierten Morningshow-Moderator gemeinsam am Frühstückstisch sitzen. 

Die Relevanz virtueller Geschehnisse

Der Journalismus liegt der Aufgabe zugrunde, über relevante Ereignisse zu berichten. Es ist eine durchaus philosophische Frage, inwiefern virtuelle Geschehnisse ein Teil unserer Realität ausmachen und abbilden. Während nicht-reale Ereignisse beispielweise in einem Computerspiel wohl eher eine geringere Relevanz für unsere reale Welt darstellen, nehmen Geschehnisse im Internet jedoch sehr wohl einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Gesellschaft. Für den Journalismus stellt sich die Frage, inwieweit das Metaverse unsere Realität widerspiegeln wird und kann, ob die dort erlebten Ereignisse sich auf die reale Welt auswirken. Doch Ziel des Metaverse ist es, als eine Art Parallelwelt zu agieren, ähnlich wie wir diese in einem geringeren Ausmaß bereits von sozialen Medien kennen. Denn hier besteht sehr wohl eine Daseinsberechtigung für journalistische Berichterstattung, man denke nur an Tweets von Präsidenten oder berühmten Persönlichkeiten. Sobald also Geschehnisse das Metaverse verlassen und in die reale Welt übertragen werden, dürfte dies auch einen relevanten Nachrichtenwert liefern. Unsere Realität wird immer mehr mit der virtuellen verschwimmen, klare Grenzen können bereits jetzt nicht mehr gezogen werden. 

Die Herausforderung für den Journalismus

Medien stehen zukünftig vor einer großen Herausforderung und Veränderung, wenn sich das Metaverse immer mehr etabliert. Zum einen müssen diese ihre Formate, Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen den neuen Gegebenheiten ausrichten. Formate müssen nicht nur crossmedial, sondern möglichst erlebbar und greifbar gestaltet werden, sie müssen multimedial in ihrer eigenen Welt existieren können. Zum anderen dürfen Medien ihren Status als Kontrollorgan, Sprachrohr und Informationsquelle nicht verlieren. Es darf keine Diskrepanz zwischen dem Auftreten eines Mediums in der realen und in der virtuellen Welt entstehen, sie müssen in beiden Universen eine klare Haltung und Linie verfolgen. Auch hier steht der Journalismus wieder vor der Problematik, Geschehnisse beider Welten richtig einzuordnen. Die Frage danach, was Realität und was nicht ist, wird sich zukünftig nicht mehr klar beantworten lassen. 

Fazit – Was bedeutet eine digitale Realität für den Journalismus?

Die Chancen und Möglichkeiten für Medien, die das Metaverse mit sich bringen könnte, sind wohl vergleichbar mit all jenen, welche im Zuge der Digitalisierung aufkamen. Demnach geht es nicht nur darum – wie damals „auf digital“ – nun „auf das Metaverse“ umzustellen, sondern neue Formate zu entwickeln. Zugleich müssen aber die Geschehnisse im Metaverse eine gewisse Relevanz für die (noch) reale Welt aufweisen. Der Journalismus darf seine kritische Rolle nicht verlieren, er muss auch das Metaverse stetig hinterfragen und Geschehenes hier einordnen. Denn das Metaverse darf sich nicht zu einem rechtsfreien, unkontrollierten Raum entwickeln, dazu müssen auch die Medien mitbeitragen. Eine komplette Außerachtlassung des Metaverse dürfte demnach enorm kontraproduktiv sein – das Metaverse wird zukünftig einen Teil unserer Realität formen und mitbestimmen. 


Der Autor

Dominik Sedlmeier ist PR-Manager und CEO der Markenagentur El Clasico Media GmbH. Ein Netzwerk für Kommunikation und Markenentwicklung mit den Schwerpunkten Markenstrategie, Public Relations und Social Media. Er betreut die teils größten Marktführer verschiedener Branchen mit der optimalen Positionierung ihrer Kommunikationsstrategie und Pressearbeit. https://elclasico.de/